99 Thesen ...
... zum Erhalt des Schörli
warum sich diese Argumente zur Bebauungsbegründung nicht eignen:
“Wir brauchen Wohnungen”
Nicht mit Zahlen, Daten, Fakten belegt. Nur, weil dieser Satz mantraartig wiederholt wird, ist er nicht für jeden Ort gültig.
Es liegt keine Wohnbedarfsanalyse für Tutschfelden vor. Wenn überhaupt braucht es Wohnungen für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen, was bei Neubaugebieten nicht oder nur als Alibifunktion in Teilen mitgedacht wird.
“Wir haben in Baden-Württemberg, in der Rheinebene einen Wohnungsmangel”
BW und insbesondere die Rheinebene ist eine Vorzugsregion geworden und wird zudem weiter als solche aufgehübscht.
Das Wachstum der Region nährt sich im Wesentlichen aus Wanderungsgewinnen und hier aus strukturschwachen Regionen. Der Lokal-Egoismus führt andernorts zu Landfluchten. Wo Bevölkerung abwandert, siedeln sich keine neuen Unternehmen an und es verschwinden bisher bestehende. Ohne wirtschaftliche Attraktivität verschlechtert sich auch die Infrastruktur. Ohne Arbeit folgt Abwanderung…ein Teufelskreis. Derart geschwächte Regionen bieten Nährboden für die politischen und extremistischen Ränder. Unser "weiter so" ist kein Teil der Lösung einer funktionierenden Gesellschaft, wir werden auch auf die Distanz zu strukturschwachen Regionen zum Teil des Problems.
(nur einige Beispiele: Eisenhüttenstadt heute nur noch 25.000 EW: Abriss von über 6.000 Wohnungen, Abriss ganzer Wohnblocks aufgrund einer Halbierung der Einwohnerschaft seit Anfang 90er; Dessau: > 10% Leerstand, einst rund 100.000 EW -Prognose 2040: rund 67.000EW); ….usw).
Wenn überhaupt braucht es Wohnungen für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen, was bei Neubaugebieten nicht oder nur als Alibifunktion in Teilen mitgedacht wird.
“Es rufen ständig und sehr viele Familien an, die bauen wollen”
Nicht mit Zahlen, Daten, Fakten belegt.
Wie viele rufen tatsächlich an und rufen diese nur in Herbolzheim an? Und werden die Personen wirklich bauen, wenn es soweit ist?
“Gerade die, die allein oder zu zweit im eigenen Haus wohnen, gönnen anderen nicht auch ein Haus”
Polemik. Unsachlich.
Die Situation einzelner Menschen kann nicht Grund für die gesamtgesellschaftliche Betrachtung und Notwendigkeiten sein.
“Wir gleichen die Fläche an anderer Stelle aus”
Es gibt keine “übrige” Fläche". Auch die Mär von Flächen, die ein Landwirt nicht mehr bewirtschaften will, ist nicht mit Fakten unterlegt. Wenn Fläche entnommen wird, fehlt diese nicht nur einzelnen Landwirten, sondern einer gesamten Gesellschaft.
“So wertvoll ist die Fläche nun auch wieder nicht”
Streuobstbäume werden erst ab 30 Jahren für den Artenschutz richtig attraktiv. Wir haben in unserer Region den fruchtbarsten und wertvollsten Boden im Land. Würde man auf die Idee kommen eine Bebauung wieder zu entfernen, bräuchte die Wiederherstellung des Schutzgutes Boden in ähnlicher Qualität rund 300 Jahre.
Versiegelung ist keine Entscheidung für ein oder zwei Generationen, sondern für einen extrem langen Zeitraum, der weit über den vorstellbaren Planungshorizont heutiger Entscheider hinausgeht.
“Auf der Fläche wurden nie Lebensmittel angepflanzt oder sonst richtig landwirtschaftlich genutzt”
Landwirtschaftliche Flächen, aber auch Siedlungen brauchen ausgleichende Elemente. Rückzugsgebiete für die Arten und auch Erholungsräume für Menschen. Flächen wie die Schörlinsmatten sind Bausteine im Schutz gegen immer heißer werdende Sommer und andere Wetterextreme im Rahmen des Klimawandels.
“Die Bebauung hat keinen Einfluss auf die Existenz eines Landwirtes”
Bei Flächenentnahmen geht es zur Existenz eines einzelnen Landwirtes auch um die Daseinsvorsorge und gesamtladwirtschaftliche Flächen im Land, unabhängig wer die Fläche bewirtschaftet.
Die Flächen fehlen in der Gesamtbetrachtung. Aufgrund des Flächenmangels werden Flächen für Artenschutz und landwirtschaftliche Flächen gegeneinander ausgespielt. Durch die Hitzeperiode und Trockenheit kam es 2026 zu signifikanten Ernteeinbußen, die sich in den kommenden Jahren durch den Klimawandel wiederholen werden und diese Flächenkonkurrenz weiter vorangetrieben.
“Tutschfelden hat seit vielen Jahren kein Neubaugebiet mehr bekommen”
Polemik. Unsachlich. Bedarfe werden nicht an wiederkehrenden Zeiträumen festgemacht. Andernfalls wäre ein endloser Versieglungszyklus bin zum jüngsten Tag die Folge.
“Ältere Leute möchten aus ihren Wohnungen im Ort in barrierefreie Neubauten ziehen”
Dieser Hinweis wird in jeden Bebauungsplan als Begründung geschrieben und konnte bis heute nie bewiesen werden.
Menschen möchten in ihrem gewohnten Umfeld den Lebensabend verbringen. Ist dies nicht mehr möglich folgt ein Umzug in einen Pflegebereich. Zwischenschritte von der liebgewonnenen Wohnung im Ortskern in einen Neubau am Ortsrand fanden sich bisher keine Befürworter.
“Es sollen nicht nur Einfamilienhäuser sondern auch Mehrfamilienhäuser entstehen”
Mehrfamilienhäuser nur zum Teil, quasi als Feigenblatt. Beide Baustile werden in der Höhe massiv limitiert. Unter dem Schlagwort “Ortsbild” wird dauerhaft ein ewig gestriges Ortsbild geframt, dass nicht mehr zeitgemäß ist.
Wenn überhaupt braucht es Wohnungen für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen, was bei Neubaugebieten nicht oder nur als Alibifunktion in Teilen mitgedacht wird.
“Das Baugebiet belastet den städtischen Finanzhaushalt nicht”
Falsch. Die Infrastruktur muss dauerhaft bereitgestellt werden (Straßen, Wasser/Abwasser, Kommunikation, Pflege Außenanlagen, Feuerwehr) und auch die Ausgleichsmaßnahmen (und die sind bei der Zerstörung einer solch hochwertigen Streuobstwiese enorm) müssen für die Dauer des Eingriffs sichergestellt und gepflegt werden. Und Dauer des Eingriffs bedeutet nicht wie einige unwissende behaupten 25 Jahre, sondern “Dauer des Eingriffs” bedeutet “so lange Häuser auf der Fläche stehen” - 100 Jahre und mehr.
“Die Mehrheit will die Bebauung”
Unbewiesen. Die reine Wahl eines Gemeinderates oder eines Bürgermeisters beinhaltet nicht, dass Wählende alle Entscheidungen gutheißen. Deshalb ist demokratische Teilhabe mehr als nur alle paar Jahre zur Wahl zu gehen. Eine demokratische Gesellschaft funktioniert bei stetigem, transparentem Austausch zwischen Bürger und der Exekutive - dem Gemeinderat und Kommunalverwaltung.
“Es ist ja nur eine kleine Fläche”
Getreu der Anekdote “Was kostet ein Tropfen Sprit” - “Nichts” - “dann tropfen Sie mir mal den Tank voll”.
Wenn es nur eine kleine Fläche ist, kann man getrost auf die Bebauung verzichten.
Unter https://www.leo-bw.de/kartenvergleich lässt sich ablesen, welcher Flächenfraß sich bei vielen kleinen Flächen zeigt.
“Das ist die letzte Fläche, dann wird es kein Baugebiet mehr geben”
Arrogant. Wir können künftigen Generationen keine Verbote aussprechen und wir dürfen keine Entscheidungen vorwegnehmen. Wir müssen für heute, für hier und jetzt für kommende Generationen eine nachhaltige Entscheidung treffen.
“Die Fläche war im Flächennutzungsplan (FNP) bereits als Bebauungsfläche enthalten”
Der FNP wurde in früherer Vergangenheit festgeschrieben.
Der FNP ist rechtlich nicht bindend !
Der FNP beschreibt Flächen die je nach Festschreibung genutzt werden können - NICHT MÜSSEN.
Bauflächen lt. FNP müssen nicht bebaut werden!
(Herbolzheim baut auch außerhalb des FNP)
Zwischenzeitlich wurde 2020 das Biodiversitätsstärkungsgesetz verabschiedet (Bürger sprachen sich im Volksbegehren “Rettet die Biene” für den Artenschutz aus. Als Kompromiss entstand das Biodiversitätsstärkungsgesetzt - immerhin). Darin wird insbesondere die Streuobstwiese als besonders schützenswert beschrieben.
“Die Frage ist nicht ob, sondern wann die Fläche bebaut wird”
Das Verfahren behandelt weit mehr als nur die Zeiträume. Eine solche Aussage bewertet das Beteiligungsverfahren als Makulatur und widerspricht jedem Verständnis demokratischer, transparenter, ergebnisoffener Prozesse.
“Seitens der Naturschutzbehörden wurde kein Signal gegeben, dass gegen eine Bebauung spricht”
Für die Bebauung des Gebietes bedarf es einer Ausnahmegenehmigung der Unteren Naturschutzbehörden zur Fällung der artenschutzfachlich sehr hochwertigen Streuobstbäume. Grundlagen für eine Ausnahmegenehmigung können wir mit den vorliegenden Informationen nicht erkennen.
Du hast ein Argument, dass noch nicht entkräftet wurde?
Dann her damit!